Ob wohl ein oder der andere meiner Leser schon einmal junge Igel gesehen hat, so im Alter von fünf oder sechs Wochen? Das sind die niedlichsten Dinger der Welt, die man sich denken kann, und es lohnt schon der Mühe, im Spätsommer Gärten und Hecken, Parkanlagen, lichte Laubwälder und namentlich Feldgehölze ein bißchen zu durchstöbern, um – wenn man Glück hat – die reizendste Familienidylle zu belauschen: eine Igelmutter, die ihre vier oder fünf Kinder spazieren führt.

Wie das im Laub raschelt von all den trippelnden Füßchen, und wie schnell die kleinen, kurzen Beinchen laufen können, wenn die stachlige Mutter einen Regenwurm entdeckt hat und ihn aus dem Versteck hervorzieht, um die kleine Beute den lüsternen Kindern zu überlassen. An jedem Ende des Unglücklichen zerrt eine der niedlichen Stachelkugeln – zusammengerollt ist sie nicht größer als ein Billardball – während ein drittes Igelchen den straff gespannten, in die Länge gezerrten Wurm mit den weißen Zähnchen zerbeißt, um schließlich für seine Mühe nichts zu erhalten als ein Tröpfchen Saft, das sich der Kleine wohlgefällig von dem dunkeln Schnäuzchen ableckt.

Da ist ein Mäusebraten schon eine standfestere Grundlage der Mahlzeit, von der doch jedes der Kinder ein Stückchen bekommt. Man muß es selbst gesehen haben, wie schnell die Igelmutter hinter dem kleinen Nager her ist, wenn sie dessen leises Pfeifen oder das fast unhörbare Rascheln im Bodengestrüpp gemerkt hat. Einen Augenblick verharrt die Alte in gestreckter Haltung; die Kopfstacheln sträuben sich ein wenig, senken sich und sträuben sich wieder. Ein paar Schritte schleicht sie vorwärts, und jetzt ein kleiner Satz ins Gestrüpp. Mit sicherem Griff ist das Mäuschen gepackt; ein kurzer Aufschrei, und das Genick des kleinen Nagers ist zerbissen. Hurtig wird das Wildbret von der schnaufenden Mutter in mehrere Teile zerlegt, und bald sitzt jedes der Kinder knuspernd und leise schmatzend vor seinem Stückchen, während die Alte weiter trippelt, nach neuer Beute zu schauen. Ein Maulwurf wäre kein schlechter Fang; aber den erwischt man nur am dämmernden Abend. Eine Schermaus wäre gleichfalls willkommen; aber schließlich tun’s auch ein paar Mist- oder Brachkäfer, Ackerschnecken, Schmetterlingspuppen, eine fette Werre, und wohlgenährte Regenwürmer fehlen fast nirgends.

Nichts Trolligeres gibt es, als zu sehen, wie es die kleinen naseweisen Igelchen der Mutter nachmachen – was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. Überall kratzen und scharren sie mit ihren krallenbewehrten Pfötchen; in jedes Loch am Boden, in jeden Winkel zwischen dem Wurzelgeflecht und Pflanzengewirr stecken sie schnuppernd ihr Schnäuzchen, hängen der Mutter am Rock, wenn sie glauben, jetzt hat sie ‘was Gutes gefunden, oder sie gehen auch schon ihre eignen Wege, den Steilhang hinauf, von dem eins der Kindchen wieder herabkugelt, trinken vom Wasser, das sich zwischen den Baumwurzeln angesammelt hat, und schauen verdutzt dem Roßkäfer nach, der vor ihrem Näschen vorbeisurrt. Wenn es noch heutzutage irgendwo, wie im Märchen, eine Prinzessin gibt, die niemals in ihrem Leben gelacht hat, ich würde sie zu solch kleiner Igelgesellschaft führen; da lernte sie aus Herzenslust lachen.

Einst beobachtete ich eine Igelfamilie an einem Wiesenhang, wo ein vom Baum gefallener Apfel die Aufmerksamkeit der stachligen Gesellschaft auf sich lenkte; von Obst aller Art sind ja die Igel große Freunde. Durch einen unvorsichtigen Stoß kam der Apfel ins Rollen; sofort sausten die Kleinen hinter ihm her, überstürzten sich aber und kugelten lustig den Hang hinab, wie wir’s als Kinder auch so gern taten. Unten lag dann der Apfel im Graben am Wege und drei Igelchen neben ihm. Schnell rollten sich diese auf und hatten bereits tüchtige Löcher in die süße Frucht gefressen, als endlich auch die Mutter mit den beiden Geschwistern ankam, die von oben her dem lustigen Treiben zugeschaut hatten.

Man sagt, der Igel trage abgefallenes Obst in der Weise in sein Versteck, daß er es auf seine Stacheln spieße; wo viel Birnen oder Pflaumen im Obstgarten liegen, da wälze er sich am Boden, und mit der willkommenen Last trolle er heim. Natürlich ist das Ganze ein nett ersonnenes Märchen. Weder mit dem Schnäuzchen, noch mit den Füßen kann der Igel seinen Rücken erreichen; wie sollte er also das Obst fressen oder auch nur abstreifen können? Als Junge habe ich einmal mit den grünen Früchten der Kartoffel – wir nannten sie »Kartoffelschneller« – nach einem Igel geworfen. Eins der ungefährlichen Geschosse blieb an seinem Stachelkleid hängen. Das machte mir solchen Spaß, daß ich mir den Igel fing und ihm im Übermut seinen ganzen Rücken mit dem seltsamen Zierrat besteckte. Dann ließ ich ihn laufen. Am folgenden Tag sah ich ihn wieder, und da trug er noch immer eine Anzahl der grünen Beeren auf seinem borstigen Kleid. Nicht den geringsten Versuch machte er, sich von dem aufgedrungenen Schmuck zu befreien.

Das Volk fabelt ferner, der Igel trage, wenn er sich sein Winterlager zurechtmache, auf seinen Stacheln all die Stoffe zusammen, die ihn wärmen sollen, Stroh, Laub, Moos u. dgl. Das ist auch nicht wahr. In die natürliche oder selbstgegrabene Höhlung kratzt und schiebt er diese Dinge mit Füßen und Schnäuzchen hinein und verwahrt besonders den Eingang. Aber solch fester Winterschläfer, wie Bilch oder Haselmaus, ist der Igel durchaus nicht, habe ich ihn doch mehr als einmal mitten im Schnee angetroffen, wo er ganz lustig einhertrippelte.

In einem unterirdischen oder wenigstens gut versteckten Lager zwischen trockenem Laub, Gräsern und sonstigem Pflanzenwust werden die Swinegelchen geboren. Anfangs sind es kleine, rosige Dinger, blind und zahnlos und die winzigen weißlichen Stacheln ganz weich – es wäre auch sonst bei der Geburt höchst unangenehm gewesen für Mutter und Kind. Die Alte muß auf der Hut sein, daß sie die vier oder fünf zarten Jungen mit ihren nadelspitzen Stacheln nicht verletzt; sie deckt die Kleinen mit den ziemlich weichen, rötlichgelben Haaren ihrer Bauchseite, zwischen denen die Milchdrüsen liegen. Tagsüber ist säugen ihr Geschäft; in der Nacht geht sie jagen. Die ganze Last der Kindererziehung liegt auf ihren Schultern; der Papa lebt getrennt von der Familie, ein rechter Einsiedler und Griesgram, und von Erziehung will er nichts wissen. In dem warmen Lager, von der zärtlichsten Mutter behütet, wachsen die Kleinen sehr schnell heran. Schon sind sie mit spitzen Stacheln und scharfen Zähnchen bewaffnet, hell blicken die Äuglein, die Füße trippeln so hurtig: bereits ganz Papa und Mama, nur klein noch und zierlich. Wir können der Versuchung nicht widerstehen und nehmen eins der Tierchen in die Hand – eine Roßkastanie in stachliger Hülle. So leicht ist die Kugel, daß wir uns an den Spitzen nicht verletzen können. Wie wenig schüchtern der kleine Kerl doch ist! Es dauert nicht lange, so rollt er sich auf, beschnüffelt unsre Finger und verschwindet schließlich im Rockärmel. Wart’, Kleiner, du sollst belohnt werden! Etwas lauwarme Milch, in ein Näpfchen gegossen, wird sofort gierig geschlürft. Dann trollt unser Igelchen weiter. Sie werden’s schon wiederfinden hier an der Hecke oder dort im Gestrüpp des Unterholzes zwischen den Bäumen.

Unter den freilebenden Vierfüßlern unsrer Heimat gibt es kaum ein anderes Tier, das ich so gern habe wie den Igel, keine interessantere Gesellschaft als eine Igelfamilie. Gesetzt, die Natur hätte den stachligen Gesellen nicht geschaffen, die kühnste Phantasie des Menschen würde sich solch’ abenteuerliche Gestalt niemals ausgedacht haben. Zwei besondere Eigenschaften sind es, die der Igel vereinigt: das stachlige Kleid und die Kunst, sich zusammenzurollen. Und diese beiden Eigenschaften machen ihn zu einem der merkwürdigsten, seltsamsten, ja wunderlichsten Geschöpfe.

Erfindungsreich ist der Mensch, in unserer Zeit namentlich auch auf sozialem Gebiete. Aber alle Erfindungen haben wir doch schließlich der Natur abgelauscht: die Ruder und das Steuer des Bootes den Flossenträgern, die Bereitung des Holzpapiers den Wespen, und das Neueste, mehr auf geistigem Gebiete gelegen, die »passive Resistenz« dem Igel. Kein anderes Tier bringt diese moderne Methode der Abwehr, der Verteidigung besser zum Ausdruck, und der Erfolg lehrt ihre Berechtigung. Den Stärkeren angreifen? nein. Oder sich mit Krallen und Zähnen verteidigen? warum denn? Kann man es wissen, wie’s endet? Ich ziehe mich lieber in mein Innerstes zurück, schließe mich von der rauhen Außenwelt ab. Ich bin die Welt, ich allein; mein Wille regiert. Schau du zu, wie du mich faßt! Deine Sache ist’s, wenn du dir die Finger blutig stößt oder die Schnauze, Gesicht, Nase und Augen! Mach’ mit mir, was du willst, ich habe Zeit und Geduld; wollen mal sehen, wer’s länger aushält, ich oder du?

Vor uns liegt der kuglige Ballen auf dem Tisch der herbstlichen Laube. Hei, wie das springt von winzigen Flöhen zwischen den Stacheln und hoch in die Luft hinauf, ein Dunstkreis fröhlichen Lebens! Glaube nicht, daß er’s fühlt, all das Gekribbel, Gekrabbel. Ein schrecklicher Zustand wär’s, wie ihn wohl die mittelalterlichen Ritter in der schweren Eisenrüstung gekannt haben: jetzt zwickt es hier, und jetzt juckt es da, und man kann sich nicht kratzen! Unbeweglich die Kugel, nur leise atmet’s im Innern, sanft hebt und senkt sich die Wölbung – kreuz und quer stehen die Stacheln, durchaus nicht in der Richtung der Radien. Bald legt sich einer nieder, ein anderer richtet sich steiler empor, von unsichtbarer Kraft bewegt; denn es treten mehrere Hautmuskeln an jeden einzelnen Stachel heran. Auf der Mitte des Rückens sind die nadelspitzen Gebilde am längsten, 2 cm etwa oder noch etwas mehr. Hübsch gezeichnet sind sie: in der Mitte lichter, am Grund und namentlich an der Spitze viel dunkler; doch gibt’s auch hellere Igel mit gelblichen Stachelspitzen, also Brünette und Blonde, wie unter uns Menschen. Vollkommen stielrund sind die Stacheln nicht; sie zeigen Längsfurchen, den Blutrinnen an den Säbeln und Seitengewehren zu vergleichen. Aber so fein sind diese Furchen, daß wir genau zusehen und den Kopf drehen und wenden müssen, um sie bei verschieden auffallendem Lichte zu erkennen. An einem Querschnitt kann man mittels der Lupe leicht feststellen, daß etwa 25 Längsrinnen an jedem Stachel hinziehen, bald mehr, bald weniger. Zwischen den Stacheln stehen weißgraue bis rostgelbe Borsten, besonders nach den Seiten zu; ja am Bauche und im Gesicht, an den Schenkeln und Füßen, wovon freilich jetzt nichts zu sehen ist, haben diese borstigen Haare die Alleinherrschaft. Stacheln wären dort nur vom Übel.

Schon währt’s uns zu lange. Willst du dich nicht endlich in deiner natürlichen Gestalt zeigen, du Trotzkopf? Wir drehen die Kugel vorsichtig um, daß sie auf dem Rücken liegt. Aber nur enger und fester zieht sich der Igel zusammen. Mit Gewalt ist auch nichts zu erreichen. Der mächtige Hautmuskel, der wie ein Mantel oder eine Kapuze vom Rücken her das ganze Tier umgibt, ist kräftiger als unsre Hand; je mehr wir uns mühen, auch mit Nichtachtung der stechenden Stacheln die Kugel auseinander zu bringen, um so fester schließt sie sich. Biegsam wie eine Weidenrute muß die Wirbelsäule unsres Freundes sein, und auch dafür, daß sie bei dieser Zusammenrollung nicht zu stark auf das Rückenmark drückt, hat die Natur gesorgt. Schon in den Brustwirbeln löst sich dieses in Einzelstränge auf, die den Druck leichter vertragen.

Aber jetzt greifen wir zu einem teuflischen Mittel, denn erschöpft ist unsre Geduld. Tabak und Stummelpfeife kommt her! Blaue Wolken steigen empor, die Luft mit Wohlgeruch füllend; denn Pfälzer ist’s, edles Gewächs. Wie sie springen, die Flöhe! Wirst uns noch dankbar sein für die Entlausung! Lebhafter bewegen sich jetzt die einzelnen Stacheln; wie eine Welle läuft’s dann ganz leise über die Rundung. Die Kugel dreht sich allmählich und löst sich ein wenig; der Rücken zeigt wieder nach oben. Der ambrosische Duft, an den der Nichtraucher so gar nicht gewöhnt ist, scheint ihm nicht zu behagen. Noch ein kräftiger Gasangriff von unten her, tief hinein zwischen die borstigen Haare, und unser Igelchen streckt sich ganz sacht und verstohlen; niemand soll’s merken, daß es endlich nachgeben will. Schon schaut ein Füßchen hervor mit fünf starken Nägeln, zum Graben und Scharren geschaffen, jetzt ein zweites und vorn ein niedliches Schnäuzchen; schnuppernd hebt sich’s aus der stachligen Kugel. Jetzt zeigt sich schon das Gesichtchen. Prächtige Physiognomie! So naseweis und verschmitzt, und so lustig blitzende Äuglein, wie schwarze Perlen auf lichtem, graubaunem Grunde. Fein sind die Ohren gebildet, alles niedlich und spitz: das Näschen, die dunklen Schnurren, die feinen Stichelhaare im Antlitz, darüber ein Wall längerer Borsten, einem Helm zu vergleichen. Aber das Hübscheste bleibt doch das verlängerte, vorn etwas aufgeworfene Schnäuzchen, das sich schnüffelnd bald aufwärts wendet, bald abwärts, bald nach links, bald nach rechts. Es bildet die verlängerte und freibewegliche Nase, zugleich ein Tastorgan von höchster Vollkommenheit. In der Haut der beweglichen Rüsselscheibe drängen sich nämlich unzählige Tastkörperchen zusammen, mit denen der nächtliche Jäger die Gegenwart oder die Nähe seiner Beute unter dem Laube, im feuchten Boden, im Mull von Baumhöhlen gewissermaßen »schmeckt«, noch ehe er sie erreicht hat, gleich der Waldschnepfe, die mit ihrem Stecher würmt, an dessen empfindlicher Spitze ebenfalls Hunderte von Nervenendkörperchen sitzen, die dem Vogel die leichteste Erschütterung des Erdbodens anzeigen.

Von meinem Pfälzer, das kann ich mir denken, ist die feine Nase des Igels nicht begeistert; er trippelt deswegen auf seinen niedrigen Beinen an die andre Seite des Tisches, um frische Luft zu schöpfen, wobei er uns den Genuß gewährt, auch sein winziges Schwänzchen zu bewundern, das steif schräg nach unten gerichtet ist, wie das kurze, fest zusammengedrehte Zöpfchen eines kleinen Mädels. Über den Geschmack ist nicht zu streiten und über den Geruch ebensowenig. Und ob dem unverbesserlichen Nikotinverächter der Rauch meines edlen Krautes noch unangenehmer ist als uns der Bisamduft, den er im zeitigen Frühjahr ausströmt, wenn er der Gattin den Hof zu machen pflegt, das können wir nicht entscheiden. Der Igelin freilich scheint der parfümierte Ritter zu gefallen; ihr ist’s lieber, als wenn er sich ein Sträußchen Parmaveilchen angesteckt hätte. »Wat dem einen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall«. Aber nun komm wieder ins Tuch, in dem wir dich hergebracht haben! Wir klopfen mit dem Stock auf den Tisch, sofort rollt sich die Kugel zusammen. Wir bringen sie nun zurück zur Hecke, von wo wir sie holten. Ein paar Minuten noch, und der Igel trollt ab.

Schade, daß wir ihm nicht in den Mund sehen konnten; dort stehen perlenartig aneinandergereiht 36 der niedlichsten Zähne. Denk ich sie mir zu den Maßen eines Löwengebisses vergrößert, ein schauderhaft mächtiges Zerstörungswerk würde es sein, obgleich die Eckzähne fehlen. Oben und unten 6 Schneidezähne, schräg nach vorn gerichtet, dann jederseits oben 2 Lückenzähnchen, unten nur eins, scharf wie ein Meißel, und endlich die Backzähne, 5 oben, 4 unten auf jeder Seite, mit scharfspitzigen Höckern versehen, so recht zum Zermalmen der Beute. Die stärksten Knochen der Maus und der Ratte, des Frosches, der Eidechse, die Chitinringe der Insekten, selbst Brustharnisch und Flügeldecken des Hirschkäfers zersplittern wie Glas zwischen dem festen Gebiß, und auch größeren Schlangen zerbeißt der stachlige Räuber im Nu die Wirbel.

Es ist bekannt, daß sich der Igel selbst vor der Kreuzotter nicht fürchtet und die bösartige Schlange sehr schnell bewältigt und auffrißt. Man sagt, er sei gefeit gegen ihr Gift, genau wie der Storch. Beides ist nicht ganz richtig. Unser Hausfreund, der Storch, frißt die Kreuzotter nur deshalb ungestraft, weil er es versteht, ihr mit dem Bajonettschnabel den Kopf zu zermalmen, bevor sie imstande ist, ihren Feind mit den Giftzähnen zu verletzen. Wohin sollte sie ihn auch beißen? In die Ständer, den Schnabel? Die Haut dieser Glieder führt wenig Blutgefäße, und die Gefahr einer Vergiftung wäre gering. Ähnlich wie der Storch macht es der Igel. Flink und gewandt zerbeißt er dem unheimlichen Kriechtier Kopf und Genick. Freilich muß er schon etwas Erfahrung besitzen, wenigstens fallen junge Igel, wenn man sie zu einer Kreuzotter bringt, dieser gewöhnlich zum Opfer, nicht aber alte, erfahrene Herren. Die getötete Schlange zu fressen, ist ungefährlich, kein Fakirkunststück; denn im Verdauungskanal ist das Gift ganz unschädlich. Es wirkt nur, wenn es ins Blut kommt. Gewiß ist die Widerstandskraft gegen das Schlangengift beim Igel größer als bei andern Warmblütern. Der Jahrtausende währende Kampf, den er gegen die Otter führt, hat ihn ziemlich giftfest gemacht; aber wirklich gefeit, wie manche wohl glauben, ist er durchaus nicht. Igel, die man von Kreuzottern in Zunge und Mundwinkel beißen ließ, wurden ziemlich krank und litten tagelang an den Folgen der Vergiftung; sie gesundeten aber später wieder vollkommen. Auch unmittelbaren Gifteinspritzungen setzten sie großen Widerstand entgegen. Die Dosis, die ein Meerschweinchen schnell tötet, muß verzehnfacht werden, ehe ein Igel nur vorübergehend erkrankt. Auch andere natürliche Gifte verträgt unser Stachelträger sehr tapfer; so macht er sich gar nichts daraus, auch einmal ein paar grüne Spanische Fliegen zu fressen, deren Genuß bei andern Tieren den Tod, wenigstens fürchterliche Schmerzen im Rachen und in der Speiseröhre verursacht.

Pflanzenkost verschmäht der Igel aber auch nicht. Obst, das sahen wir schon, ist ihm eine Lieblingskost, ebenso Beeren aller Art, desgleichen saftreiche Wurzeln, wie Mohr- und Steckrüben; ob er auch Schwämme verzehrt, kann ich nicht sagen. Reich ist der Speisezettel, den Mutter Natur für ihn bereit hält. Nur das eine sollte der Gefräßige lassen, nämlich das Plündern bodenständiger Nester; dadurch schadet der Igel vielleicht mehr, als man denkt. So mancher Forstmann klagte mir schon, daß der Bursche Fasaneneier getrunken, junge Schnepfen gefressen, ja Rebhuhneier, während die Henne darauf saß und sie heftig verteidigte, zu rauben versucht habe. Selbst junge Häschen sollen ihm bisweilen zum Opfer fallen (?). Und der Strafe entzieht sich der stachlige Raubritter stets; sofort ist die Kugel gebildet: greife mich an, wenn du’s wagst! Nur dem Uhu darf er’s nicht sagen. Der kümmert sich nicht drum. Mit seinen wehrhaften Krallen packt er kühn zwischen die Stacheln, und mit dem mächtigen Schnabel löscht er dem Igel das Lebenslicht aus.

Eigentlich sollte man meinen, die Verminderung der Raubvögel müsse den Igeln zugute kommen wie etwa den Mitgliedern der Krähensippe oder den Spechten. Mag sein, aber andre feindliche Kräfte sind am Werk, diesen Vorteil aufzuheben; es scheint mir, man begegnet heute viel seltener einmal einem Igel, als in früheren Zeiten. Der Jäger ist ihm feindlich gesinnt; ja manche Jagdschutzvereine hatten früher den Igel mit in die Liste des Raubzeugs aufgenommen, für dessen Erlegung Belohnungen gezahlt wurden. Gegen jede Verfolgung sollten aber die Landwirte entschieden Einspruch erheben, denn für sie ist der Igel als treuester Verbündeter gegen die Mäuse ein sehr nützliches Tier. Vier, sechs Feldmäuse zu einer Mahlzeit mit Haut und Haar zu verzehren, ist ihm eine Kleinigkeit, und auf Insekten hat er immer Appetit; solch kleines Getier ist überhaupt nicht zu rechnen, denkt er bei sich.

Nur in einer Beziehung ist der Igel genügsam, im Trinken. Es muß schon recht heiß sein, ehe er einmal aus einer Pfütze am Wege trinkt oder aus einem der kleinen Wasserbecken, die der Wald zwischen dem oberirdischen Wurzelgeflecht der Bäume für seine durstenden Bewohner allzeit bereit hält. Auch die Igel, die ich tage- und wochenlang in Gefangenschaft hielt, haben nur selten von dem Wasser geleckt, das ich nie versäumte, in den Raum zu stellen, den ich ihnen anwies. »Mit Wasser bleib mir ferne!« scheint ihr Losungswort zu sein. Sie verhalten sich also ähnlich wie die meisten Raubvögel, die ja auch zugleich mit ihrer blutigen Kost so viel Flüssigkeit aufnehmen, daß sie tagelang des Wassers entbehren können, obgleich es auch Ausnahmen gibt. So tauchte ein Schleierkauz jedes Stückchen Fleisch, das ich ihm gab, ins Wasser, ehe er’s verschlang. Merkwürdig ist’s, daß die Igel, die alten wie die jungen, sehr gern etwas Milch schlürfen, wobei sie wohlgefällig schmatzen, so gut schmeckt es ihnen.

Wollten wir als Kinder einen Igel, wenn ich so sagen darf, »aufwickeln«, so kannten wir bei dem streng befolgten Rauchverbot nur zwei Mittel. Das eine war Musik. Wir machten in seiner Nähe durch Trommeln auf der Gießkanne einen Höllenspektakel. Aber das Mittel versagte bisweilen; denn oft zog sich Meister »Struppig« nur noch enger in sein Innerstes zurück: »Lärmt wie ihr wollt, ich halte meine Öhrlein verschlossen!« Das andere Mittel wirkte schneller und sicherer: ein tüchtiges Brausebad. Mitunter haben wir die stachlige Kugel auch den Wiesenhang hinabgekollert, geradenwegs in den Bach und uns dann teuflisch belustigt, wie sich der Igel im Wasser sofort aufrollte und, obgleich er’s nie gelernt, doch äußerst geschickt, das Näschen über dem Wasser haltend, nach einer Stelle am Ufer schwamm, wo er am leichtesten wieder festen Grund unter den kleinen Füßen fassen konnte. So völlig durchnäßt, rollte er sich nie wieder sofort zusammen, sondern ließ uns ruhig seine ganze Person betrachten, den Kopf, die Füße, das Schwänzchen. Die Nässe des Unterleibs war offenbar seinem Schnäuzchen viel zu unangenehm, als daß er es zwischen den triefenden Borstenhaaren versteckt hätte. Auch der Fuchs soll den Igel ins Wasser rollen, um ihn dann zu bewältigen. Ob es wahr ist, weiß ich freilich nicht.

Den Igel zu essen, fällt bei uns niemand ein, obgleich sein fettes Fleisch im Herbst gewiß ebenso gut schmecken mag, wie das des Dachses, mit dem er ja in der Lebensweise wie in der äußeren gedrungenen Gestalt manches gemein hat. In Spanien hat man ihn ehemals während der Fasten häufig gegessen; ich möchte die Ausrede kennen, die man gebraucht haben mag, um solchen Fleischgenuß zu rechtfertigen. Bekannter ist die Vorliebe der Zigeuner für einen Igelbraten. Im Lande der Stephanskrone war ich einst Zeuge, wie sich die braunen »Söhne Pharaos« auf dem Felde ein Igelgericht zubereiteten. Drei Stück, die sie gefangen und erschlagen hatten, wurden von den urwüchsigen Gesellen notdürftig ausgeweidet, dann wieder zu einer Kugel zusammengerollt, mit feuchtem Lehm dick umgeben und schließlich in der glühenden Asche gebacken, wie Schinken in Brotteig. Als nach geraumer Zeit der Lehm zu bröckligem Ziegel gebrannt war, stieß der Oberkoch mit dem Fuß die heißen Klumpen aus der Asche heraus und zerschlug die Umhüllung. Die Stacheln und die meisten harten Borsten blieben in ihr stecken. Was mit dem toten Ungeziefer geschah, das weiß ich nicht, ging mich auch weiter nichts an. Mürb war der Braten und saftig, und er schmeckte dem genügsamen Völkchen allem Anschein nach großartig.

Mancher Igel hat in früheren Zeiten auch für die Gesundheit des Menschen sein Leben lassen müssen; denn der Igelleib bot bei dem oder jenem Gebreste der leidenden Menschheit so manches sicher wirkende Heilmittel. Selbst dem Gewerbe kam die stachlige Haut zu statten; sie diente im alten Rom zum Karden der wollenen Tücher, desgleichen als Hechel. Auch noch später bildete sie zu ähnlichen Zwecken einen Handelsartikel.

Das Volk will zwei Abarten des Igels unterscheiden: »Hundsigel« und »Schweinsigel« – der letztere ist der bekanntere, schon wegen des reizenden Märchens »Swinegel un sine Fru«. Der Zoolog aber kennt bei uns nur die eine Spezies: Erinaceus europaeus. Freilich in Südostrußland, in den Niederungen um den Kaspischen See und östlich bis zum Baikalsee kommt noch eine andre Form vor mit etwas längeren Ohren und kürzerem Schwanz, unten sehr hell behaart, sonst unserm europäischen Igel ganz ähnlich. Erinaceus auritus, langohriger Igel nennt ihn der Zoolog.

Unser Landsmann ist in fast ganz Europa heimisch, mit Ausnahme der nördlichsten Länder, etwa vom 63° n. Br. an. Auch die waldreichen Gebirge bewohnt unser Igel; in den Alpen steigt er bis gegen 1500 m an, im Kaukasus gar bis 2000 m. Die Wälder und Fruchtauen, die Felder und Gärten der Ebenen und Hügelländer sind ihm aber doch lieber. Sehr zahlreich kommt er in den weiten russischen Ebenen vor, auch im nördlichen Asien ist er verbreitet. Dort und namentlich in Afrika stellen sich dann auch manche andere Arten der stachelborstigen Familie ein. Das Stachelschwein aber, das seine Heimat in den Mittelmeerländern hat – in Nordwestafrika, in Griechenland und in Süditalien bis nordwärts zur römischen Campagna trifft man es an – gehört nicht hierher, sondern zu den Nagetieren.

Im Verborgenen führst du dein Leben, du seltsamer Einsiedler, drolliger »Bruder im stillen Busch«, von den Menschen wenig beachtet, von vielen verkannt. Nur einen Ort weiß ich, der bringt dich zu Ehren, ja er nennt sich nach dir, Iglau in Mähren. Er hat sich dein Konterfei ins Wappen gesetzt, wie Griechenlands Hauptstadt die Eule, das Sinnbild der Pallas Athene. Lustige Igel sind’s in dem einen Feld, in dem andern aber züngelnde Löwen mit aufgerissenen Rachen. Noble Gesellschaft, nicht wahr? Laß sie nur spotten, die andern Tiere des Waldes: struppiges Stacheltier, Borstenträger, Schweinigel und wie sie dich schimpfen – du gabst der Stadt ihren Namen und nicht der König der Tiere!

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