Einer der seltensten Brutvögel im Deutschen Reiche ist der Schwarzstorch. Bis auf einige Paare ist er aus unserm Vaterlande verschwunden. Unsre engere Heimat kennt ihn überhaupt nicht, höchstens daß er ausnahmsweise einmal an einem unsrer Gewässer auf seiner Herbst- oder Frühjahrsreise Rast macht. Ich habe den schönen Vogel wiederholt in Bosnien und in der Herzegowina angetroffen, während ich in Deutschland seinen Horst nur im Hannöverschen und am Darß (i. J. 1913) gesehen habe. In Ostpreußen soll es noch mehrere besetzte Horste geben, auch im Kreise Neu-Ruppin zählte man vor einigen Jahren noch drei Stück.

Wenn wir wünschen, daß dieses Naturdenkmal uns wenigstens in seinen spärlichen Resten erhalten bleibe, so werden uns sicher alle Verständigen zustimmen, obwohl der Schwarzstorch ein großer Liebhaber von Fischen ist.

Unser gemütlicher Hausfreund, der weiße Storch treibt gelegentlich auch Fischfang. Sollen wir ihm deshalb böse sein? In Sachsen brütet der Storch fast nur noch in der Lausitz, wo sich aber heute nicht einmal ein Dutzend besetzter Horste befinden. Die Gemeinde, die ein Storchenpaar besitzt, ist stolz auf den gefiederten Kinderfreund, und mit Teilnahme beobachtet groß und klein alle Vorgänge, die sich am Horst abspielen. Wer den Vögeln ein Leid antut, setzt sich dem allgemeinen Unwillen der Bevölkerung aus. Trotzdem kommt es bisweilen noch immer vor, daß ein Storch abgeschossen wird; man findet einen solchen mitunter verendet im Teichgebiet. Wer ihn auf dem Gewissen hat, weiß man nicht. Man sollte aufhören, die wenigen Störche, die unser Sachsen noch beherbergt, mit Pulver und Schrot zu verfolgen. Sind wir wirklich so arm geworden, daß unsre sächsischen Gewässer nicht einmal mehr ein paar Dutzend Störchen eine kleine Zubuße zu ihrer täglichen Nahrung spenden können? Aber auch in noch storchreichen Gegenden Mecklenburgs, Pommerns usw. hat die Anzahl der Störche in erschreckender Weise abgenommen. Es ist höchste Zeit, daß wir alle unsre schützende Hand über diesen Vogel halten, der, wie die Schwalben, zu den volkstümlichsten Erscheinungen der gefiederten Welt gehört, lieb und wert schon unsern Voreltern in längst vergangenen Tagen.

Auch für den Fischadler, der besonders das norddeutsche Seengebiet bewohnt, habe ich schon manches gute Wort eingelegt und freundliches Gehör gefunden. Für unser Sachsen ist der stolze Fischer als Brutvogel schon längst verschwunden; aber auf dem Zuge weilt er gern ein paar Tage an unsern stehenden Gewässern. Hoch über dem See zieht er dann seine Kreise; in Spiralen schraubt er sich tiefer. Plötzlich steht er, wie ein Falke rüttelnd, im Luftraum. Da stürzt er mit angezogenen Schwingen hinab. Das Wasser schlägt über ihm zusammen; aber im Nu taucht er wieder empor, einen Fisch in den Fängen. Ist es wirklich nötig, daß man diesen herrlichen Vogel sofort, wenn er sich zeigt, mit Pulver und Schrot empfängt? Ein paar Fische mag sein Besuch dem Teichpächter kosten; aber wie bald ist der edle Vogel wieder verschwunden!


Neben den bisher angeführten nur einzeln auftretenden Fischräubern gibt es aber auch Fischerei-Schädlinge, die kolonienweise brüten. Ihre Anzahl auf ein gewisses Maß zu beschränken, sie »kurz zu halten«, wie der Jäger sagt, das ist das unveräußerliche Recht aller, die ein unmittelbares Interesse an dem Blühen und Gedeihen der Fischerei haben. Freilich sind dabei große Unterschiede zu machen, und ein Kampf bis zur Vernichtung ist unter allen Umständen verwerflich.

Die Möwen, die nur ganz geringen Schaden anrichten, da sie zu wenig Taucher sind, um sich im tiefen Wasser der schnellen Flossenträger bemächtigen zu können und nur an ganz seichten Stellen oder dort, wo kleine Fische in Pfützen geraten sind, dem Fischfang obliegen, sollte man als herrliche Zierde unsrer Gewässer ruhig gewähren lassen. Bei uns im Binnenland handelt es sich lediglich um die Lachmöwe, an der schokoladebraunen Gesichtsmaske kenntlich, die sie im Sommer trägt. Manche Kolonie an unsern Teichen ist eingegangen, fast alle sind schwächer geworden; der Rückgang seit zehn oder zwanzig Jahren ist ganz auffallend. Er hängt wohl weniger damit zusammen, daß übereifrige Fischer die Vögel beim Brutgeschäft stören, um sie zu vertreiben, als mit dem Eierraub, der oft in rücksichtslosester Weise Jahr für Jahr ausgeübt wird, bis die Vögel den unwirtlichen Ort verlassen und der Besitzer der Kolonie das Nachsehen hat.

Der Nutzen, den die Möwen für den Landwirt haben, ist unbestreitbar. Hinter dem pflügenden Landmann flattern und schreiten sie einher, die Insekten auflesend, die die Pflugschar freigelegt hat; ja, man kann beobachten, wie sie selbst der Mäusejagd auf den Feldern obliegen. Ihre Jungen füttern sie ausschließlich mit Kerbtieren, unter denen sich viele Fischereischädlinge befinden; ich habe niemals Fischreste an ihren Brutplätzen entdeckt. Auch an der Wasserkante macht sich der Rückgang aller Möwenarten von Jahr zu Jahr immer mehr bemerkbar. Früher sah man besonders bei stürmischer Witterung in den deutschen Seestädten viele Tausende von Möwen an und über den Hafengewässern, heute nur eine geringe Zahl. Jedenfalls hat der Fischer keinen stichhaltigen Grund, die Möwen zu verfolgen, und wenn Badegäste am Strand und vom Boot aus die anmutigen Segler der Lüfte, lediglich aus Übermut und um der Schießlust zu frönen, wegknallen, so sollte die dortige Bevölkerung den Frevlern solch verächtliches Handwerk gründlich legen. Den Schießern als Ziel zu dienen, dazu sind die Möwen, die so recht ein Gottesgeschenk für unsre Küstengewässer wie Binnenseen bedeuten, wahrhaftig nicht da.

Auf und an fast allen größeren Teichen brüten, meist in mehreren Paaren, unsre vier Taucher, von denen der stattliche schöne Haubentaucher der seltenste ist. Er beansprucht eine größere Wasserfläche als die andern und kommt deshalb, namentlich auf den kleineren Gewässern unsrer Heimat, gewöhnlich nur vereinzelt oder in wenigen Paaren vor. Der Fischer ist sehr schlecht auf ihn zu sprechen; er betrachtet ihn als einen argen Räuber. Leider kann man diese Anklage nicht widerlegen. Selbst der Hinweis darauf, daß der Vogel doch auch viele Insekten vertilge, wird den Fischereiberechtigten kaum milder stimmen. »Insekten?« so entgegnet er uns, »die hätten ja auch den Fischen zur Nahrung dienen können; die Taucher verkürzen also auch noch jenen das tägliche Brot und schädigen mich so auf doppelte Weise.« Es ist schwer, dagegen etwas zu sagen, wenn man nicht immer wieder an die vielen räuberischen Insektenlarven erinnern will. Das Eine aber steht fest: bei solch einseitiger Betonung ganz bestimmter Interessen dürfte es bald aus sein mit dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit der Natur. Mit demselben Recht würde der Brieftaubenzüchter fordern, daß er alle Raubvögel, der Imker, daß er Meisen und Fliegenschnäpper, der Obstzüchter, daß er Stare und Pirole abschießen dürfe. Wohin sollte das führen? Die kleineren Taucher, die Rot- und die Schwarzhälse, namentlich aber der winzige Zwergtaucher, tun der Fischerei wenig Abbruch; man sollte sie ruhig gewähren lassen. Den großen Haubentaucher aber sollte man gleichfalls schonen, weil er selten ist, nur vereinzelt vorkommt und dem Gewässer zur schönsten Zierde gereicht. Freilich von Brut- und Streckteichen muß er ferngehalten werden.

Viel schlimmere Fischräuber sind die Kormorane. Aber für die deutsche Fischerei kommen diese Vögel nicht mehr in Betracht, da sie auf deutschem Gebiet sehr stark gezehntet worden sind. Sie waren bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts für ganz Norddeutschland ziemlich selten. Um 1810 legten sie aber auf Fünen eine große Kolonie an; hier wurden sie von den Fischern vertrieben. Ein Teil ließ sich auf Rügen nieder, wo die Vögel das gleiche Schicksal ereilte. Dann wanderten sie südwärts nach der Odermündung, und da man ihnen auch hier keine Ruhe gönnte, zogen sie weiter die Oder hinan bis in die Spreegegend. Pulver und Blei haben ihnen hier ein Ende bereitet. Es gab noch vor 50 Jahren an den verschiedensten Örtlichkeiten Deutschlands kleinere Kolonien dieser gefräßigen Fischer, z. B. an der Müritz, am Pinnower See bei Schwerin, am Mecklenburger Strand, an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins, im Oderbruch oberhalb Stettins, auf der Danziger Nehrung, am Frischen und am Kurischen Haff, am Mauersee in Masuren u. a. O. Heute ist das alles vorbei, und wenn wir von ein paar vereinzelten und unsicheren Brutstätten dieser Ruderfüßler absehen, so ist die Kormorankolonie im Kreise Schlochau in Westpreußen die letzte des Landes. Obgleich die Kormorane großen Schaden anrichten, so werden sie hier doch nicht vertilgt, »weil der Besitzer an den schönen interessanten Vögeln seine Freude hat«. (Vgl. Naumann, »Die Vögel Mitteleuropas«.)

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